"Mit dem Pack kann man nicht reden ..."

"Mit dem Pack kann man nicht reden ..."


Über den Umgang mit "schwierigen" Bevölkerungsgruppen

Nach den Ausschreitungen in Heidenau waren über die gegen Flüchtlingsheime demonstrierenden Menschen  aus den Reihen der Politik Aussagen zu hören wie "... nicht aufgeschlossen ...", "... zur Kommunikation nicht fähig..." oder "... für Argumente nicht zugänglich ...". Mit Pepita war es genauso. Gewiss, aus diesen Sätzen spricht eine berechtigte moralische Entrüstung; doch wenn ich solche Aussagen höre, dann bin ich alarmiert und ich frage mich, wie gut es denn noch steht, um den produktiven  Meinungsaustausch in unserer Gesellschaft. Alarmiert bin ich weil mir gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung in unserer  Gemeinschaft wichtig sind. Ein lebhafter und gewaltloser Meinungsaustausch gehört zur lebendigen Demokratie. Wenn ich jemandem solche Eigenschaften zuschreibe und ihn als kommunikationsunfähig und verbockt bezeichne, vielleicht noch als Pack, dann macht das den Diskurs nicht lebendig, sondern führt zur Erstarrung und zementiert tote Vorurteile. Eine Demokratie kommt nicht ohne Wertschätzung und Anerkennung aus. Auch der, der eine andere Meinung hat, will anerkannt und gewürdigt sein. Darauf hat er einen Anspruch als Person, so wie jeder andere auch. Selbst dann, wenn ich seine Meinung nicht gut finde. Darum geht es doch gerade in einer offenen und pluralistischen Demokratie. 

"... nicht aufgeschlossen ...", "... für Argumente nicht zugänglich ...", "... zur Kommunikation nicht fähig ..." - Das klingt vernichtend. Da tönt eine gewisse Resignation heraus; so was wie: "Wir haben uns doch um die andere Seite bemüht. Wir haben ihr gesagt, warum sie nicht Recht hat und warum unsere Meinung besser ist. Und trotzdem hören die nicht zu, die wollen uns nicht verstehen.Wenn der Streit verhärtet ist, und trotzdem von dem anderen Verständnis erwartet wird, dann ist das eine Schieflage. Dann muss der Boden für Verständnis vorbereitet werden. Der Bauer streut sein wertvolles Saatgut nicht einfach auf harte ausgedörrte Erde, wo es vertrocknet. Er müht sich ab und bereitet den Boden vor, er gräbt ihn um, er wässert und gibt vielleicht noch etwas Dünger hinzu, damit die Saat keimen kann und Wurzeln schlägt. Darum gilt in der Kommunikationslehre auch der Grundsatz, dass man sich bei einem gelungenem Gespräch erst darum bemühen muss den anderen zu verstehen, bevor es darum geht, selbst verstanden zu werden. Das ist ganz sicher anstrengend und zeitaufwändig. Im hektischen Alltag eines  Politikers, harren viele Dinge der Erledigung und da geht es einfach schneller ein Statement zur Sache abzugeben, als wirkliches Verstehen zu erreichen. Genügt das?  Und dann ist da noch die Angst, mit den anderen in einen Topf geworfen zu werden, wenn man sich um Verstehen bemüht, obwohl Verstehen und Verständnis etwas ganz anderes ist, als gleicher Meinung zu sein. So gut und ehrenhaft sich es sicher meinen; als Verkäufer würden unsere Politiker mit ihrer Strategie Pleite gehen.

Kein geschulter Verkäufer wird seinen Kunden allein mit einseitigen Sachargumenten überzeugen wollen (und können) und seine Verkaufsstrategie nur auf die Qualität seines beworbenen Produktes stützen. Nach dem Grundsatz "Nicht sagen, sondern fragen" wird er den Boden für den Abschluss vorbereiten und den Kunden dort abholen, wo er mit seinen Befindlichkeiten gerade ist. Er wird nach seinen Wünschen fragen und nach seinen Bedürfnissen. Er wird fragen, wo dem Kunden gerade der Kittel brennt und was er braucht. Und schließlich wird er diese Bedürfnisse mit den Vorteilen seinen Produktes verbinden. Der Kunde erkennt selbst den Nutzen für sich und wird nicht überzeugt. Er entscheidet sich aktiv für das Produkt.

 

Genau so denke ich, will der unzufriedene "Wutbürger" Politik erleben: Er möchte mit seinen Ängsten und Sorgen ernst genommen werden. Er will erkennen und auch in seinem Innersten fühlen, dass seine Bedürfnisse der Politik wichtig sind und sie erfüllt werden. Leider scheint dies nicht der Fall zu sein und die Betroffenen können sich nicht aktiv dafür entscheiden. Der Frust unerfüllter Bedürfnisse entlädt sich in den Demonstrationen. Der Hass ist blind, weil er die andere Seite nicht wirklich sieht. Viele Konflikte entschärfen sich schon, wenn die Parteien sich wirklich gesehen fühlen. Wer macht hier den ersten Schritt?

 

Die wirkliche Herausforderung unserer Gesellschaft sind nicht die Flüchtlinge, nicht die Atomkraft und nicht die Gentechnik. Es ist die Art und Weise, wie wir als Menschen dabei miteinander umgehen; ob wir uns spalten lassen oder daran arbeiten die Gesellschaft für alle sozial, lebenswert und lebendig zu gestalten. Mit Verstehenwollen, Anerkennung und Respekt. Im Kleinen wie im Großen.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Doris Bell (Sonntag, 08 Januar 2017 18:37)

    Lieber Mark, danke für diese klaren Worte. Ich sehe die Situation ähnlich und wünsche mir schon seit längerem eine (wieder) offenere Gesprächskultur in Deutschland. So etwas wie "eine neue Ethik" . Miteinander reden und nicht übereinander oder aneinander vorbei.
    Wir als Coaches können dazu sicherlich ein wenig beitragen, zumindest im Kleinen, wenn wir bei unseren Klienten die Sensibilität für das Wesen guter Kommunikation steigern.